17
Okt
2004

Menschelnde Politiker

"Die Menschen", zitiert der Spiegel Angela Merkel, "dürften nicht den Eindruck haben, alles in Deutschland stehe zur Disposition". Der Begriff "Menschen" hat in jüngster Zeit in Politikerkreisen Hochkonjunktur. Verwendet wird er immer dann, wenn sich ein Gegensatz von Regierenden und Regierten auftut. In der öffentlichen Wahrnehmung schweben Politiker meilenweit über dem Erdboden: nicht einmal mehr im "Raumschiff Berlin oder Brüssel" sondern außerhalb der Atmosphäre, in Augenhöhe etwa mit der Raumstation MIR.
Frau Merkel hat sich in der Männerdomäne CDU bisher auffallend gut gehalten. Nun gibt es Hinweise, dass das Experiment "Frauen in Machtpositionen" in der Partei an Grenzen gestoßen ist. In dieser Situation höchster Not stellt sie fest, dass es ohne "die Menschen" vielleicht doch nicht geht.
"Die Menschen" sind die begrifflichen Nachfolger unterschiedlicher Peinlichkeiten der deutschen Sprache der Demokratie: am Anfang gab es "das Volk" in der Weimarer Republik, aber diskreditiert in der Nazizeit, in der DDR. Noch in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit ("alle Macht geht vom Volke aus") hat sich dieser Ausdruck für die hier Lebenden am längsten gehalten, auch wenn sich nun "wir sind das das Volk" nicht mehr in den Westen der Republik exportieren ließ. Später gab es verschiedene Versuche, diese Ansammlung von Individuen begrifflich unter einen Hut zu bekommen - alles vergeblich:
"Bevölkerung" - klingt immer noch nach "Volk" - man kann sich auch versprechen und sagen "Bewölkung" - dann gibt man zu dass einem das Volk die Suppe verhageln könnte;
"die Deutschen" - kann man nach den Erfahrungen der Welt mit den Nazis und nach der Wiedervereinigung zwar mittlerweile wieder sagen, aber so richtig wohl fühlt man sich damit nicht;
"Bürger" - das Wort ist immer noch der bevorzugte Terminus bei den Grünen und bei vielen SPD-Linken, sollte demonstrieren, dass man sich auf die Mitte zubewegt. Mittlerweile dämmert es auch dem letzten bürgerbewegten grünen Fundi, dass möglicherweise "Bürger" gar nicht die Gesamtheit der hier lebenden Menschen umfasst. Die "Bürgerrechtspartei" hat sich selbst entlarvt als die Partei der Besserverdienenden. Joschka Fischer benutzt neuerdings auch "die Menschen", nämlich dann, wenn er die rot-grüne Politik als "alternativlos" hinstellt und Kritiker barsch abkanzeln will: "Die Menschen werden das verstehen". Eigentlich ist es aber eine Zumutung, dass von ihm als Außenminister eine Erklärung verlangt wird. Das überlässt er lieber den Strategen von der Sozialdemokratie.

Nun also "die Menschen" - Müntefering verwendet "die Menschen" dann, wenn er ein vermeintliches Kommunikationsproblem abarbeiten muss, ein Kohl'sches "draußen im Land" klingt dabei immer nach. Besser hat es Clement, der beschäftigt sich nur mit Geld und Eliten, da kommen keine Menschen vor. Bundeskanzler Schröder kann einem fast leid tun. Der vermeidet den Begriff so gut es geht, obwohl die Beschäftigung mit "Menschen" eigentlich ein wesentliches Merkmal seines Aufgabenprofils ist. Da er früher selbst Mensch war, ist es jetzt umso peinlicher, noch über "Menschen" zu reden!

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